LICRA Österreich
Ligue internationale contre le racisme et l’antisémitisme
Internationale Liga gegen Rassimus und Antisemitismus

Offener Brief an Bürgermeister Ludwig

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Ludwig!

Es schmerzt uns, dass Karl Lueger, einer der prononciertesten Antisemiten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, immer noch im Herzen Wiens geehrt wird. Wir sind der Überzeugung, dass der Platz umbenannt werden muss und das Ehrenmal entfernt werden muss. Die Untätigkeit der Stadt in dieser Sache – trotz lang anhaltender öffentlicher Debatte – ist beschämend und die vorgeschlagene „Kontextualisierung“ nicht hinreichend, um der Angelegenheit gerecht zu werden.

Evelyn Torton Beck, Elazar Benyoëtz, Riane Eisler, Zvi Jagendorf, Eric Kandel, Kurt Rosenkranz, Lore Segal, Fred Terna, Georg Stefan Troller 

 

 

Kurzbiographien der Zeichnenden

Evelyn Torton Beck wurde am 18. Jänner 1933 in Wien geboren. Gemeinsam mit ihren Eltern gelang ihr 1939 die Flucht zunächst nach Mailand und von dort 1940 weiter in die USA. Sie erhielt in Vergleichender Literaturwissenschaft einen Master in Yale und dissertierte zum Einfluss des Jiddischen Theaters auf das Werk Franz Kafkas an der University of Wisconsin. 1982 wurde sie Professorin an der University of Wisconsin, im gleichen Jahr veröffentlichte sie den Klassiker Nice Jewish Girls: A Lesbian Anthology. 1984 folgte sie einem Ruf an die University of Maryland ,wo sie die Women’s Studies leitete. In ihrer Forschung und Lehre setzt sie sich ausführlich mit den Einwirkungen von Sexismus, Antisemitismus und Homophobie für die Konstituierung der Identität von Frauen* auseinander, weitere Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Frauen* in der Kunst, Mütter und Töchter und Frauen in der Shoa. Zwei Jahre nach ihrer Emeritierung 2002 erlangte sie mit der Dissertation Physical Illness, Psychological Woundedness and the Healing Power of Art in the Life and Work of Franz Kafka and Frida Kahlo einen zweiten Doktortitel in Klinischer Psychologie am Fielding Graduate Institute. 2021 wurde ihr die Ehrendoktorwürde der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien verliehen.

Elazar Benyoëtz wurde am 24. März 1937 in Wiener Neustadt geboren. Gemeinsam mit seinen Eltern gelang ihm 1938 die Flucht nach Palästina. 1959 legte Benyoëtz das Rabbinerexamen ab. Mit Empfehlungsschreiben von Martin Buber ausgestattet, bereiste er in den 1960er Jahren die deutschsprachigen Länder und gründete 1964 in West-Berlin die Bibliographia Judaica, eine in 21 Bänden vorliegende einzigartige Dokumentation deutsch-jüdischer Literatur. In diesem Zusammenhang kam es zu einem umfangreichen Briefwechsel mit zahlreichen deutsch-jüdischen Intellektuellen, unter ihnen Theodor W. Adorno und Max Brod.. Als Lyriker, Essayist und Aphoristiker hat Benyoëtz über fünfzig Monographien herausgebracht. Er gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Aphoristiker deutscher Sprache und als Erneuerer dieser Form. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, darunter 1988 den Adelbert-von- Chamisso-Preis, 1997 das deutsche Bundesverdienstkreuz am Bande, 2002 den Joseph-Breitbach- Preis durch die Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz, 2008 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse und 2017 die Ehrendoktorwürde der Universität Bern.

Riane Eisler wurde am 22. Juli 1931 in Wien geboren. Gemeinsam mit ihren Eltern gelang ihr 1939 die Flucht nach Kuba, wo die Familie in den Slums von Havanna lebte. Sieben Jahre später folgte die Emigration in die USA. Sie studierte Soziologie, Anthropologie und Rechtswissenschaften an der UCLA und promovierte 1965 an der UCLA School of Law. Als Kulturhistorikerin und Systemwissenschaftlerin setzt sie sich in ihrer Forschung in erster Linie mit Partnerschafts- und Dominanzsystemen auseinander. Exemplarisch ist hier ihr erfolgreichstes Buch, der 1987 erschienene Band Kelch und Schwert: Von der Herrschaft zur Partnerschaft. Weibliches und männliches Prinzip in der Geschichte zu nennen, das über 500.000 mal verkauft und in 26 Sprachen übersetzt wurde. 1987 gründete sie das Center for Partnership Systems, dem sie bis heute vorsteht. Sie hat über 500 Artikel in zahlreichen Fachbereichen veröffentlicht und ist unter anderem bei den Oxford, Cambridge und Stamford University Presses verlegt. Als Rednerin adressierte sie u.a. den Deutschen Bundestag, den US-Amerikanischen Congress, Vaclav Havels Forum 2000 und die UN Generalversammlung. Sie ist Ehrenmitglied des Club of Rome und Trägerin des Nuclear Age Peace Leadership Award.

Zvi Jagendorf wurde am 18. Februar 1936 in Wien geboren. Gemeinsam mit seinen Eltern gelang ihm 1939 die Flucht in das Vereinigte Königreich. Er studierte Englische Literatur an der Universität Oxford und emigrierte nach seinem Abschluss 1958 nach Israel. Jagendorf unterrichtete Englisch und Theaterwissenschaften an der Hebräischen Universität Jerusalem. Außerdem ist er als Schauspieler, Theaterkritiker und Übersetzer in Erscheinung getreten, einem großen Publikum bekannt wurde er allerdings als Autor zahlreicher Kurzgeschichten und zweier Romane. Sein autobiografisch inspiriertes Romandebüt Die fabelhaften Strudelbakers über ein Kind, das vor dem Nationalsozialismus nach London flüchtet, war für den Booker-Preis nominiert. 2018 ist sein zweiter Roman Coming Soon: The Flood, das im Jerusalem der 1960er Jahre angesiedelt ist, erschienen.

Eric Kandel wurde am 7. November 1929 in Wien geboren. 1939 floh er mit seinem vier Jahre älteren Bruder in die USA, ihren Eltern gelang später die Flucht und die Familie wurde in
New York wiedervereinigt. Kandel ist einer der bekanntesten Neurobiologen unserer Zeit. Er forschte unter anderem an der New York University, dem National Institute of Health, der Harvard Medical School und der Columbia University, wo er Gründungsdirektor des Zentrums für Neurobiologie und Verhalten war. Seine bahnbrechende Forschung ist mitverantwortlich dafür, wie wir heute die Prozesse des Lernens und Erinnerns im menschlichen Gehirn verstehen. Für seine Arbeit wurde er mit den wichtigsten Preisen seiner Fachgebiete ausgezeichnet, darunter 1983 mit dem Dickinson Prize und dem Albert Lasker Award for Basic Medical Research, 1987 mit dem Canada Gairdner International Award, 1993 mit dem Harvey Prize, 1999 mit dem Wolf Prize, 2000 mit dem Nobel-Preis und 2006 mit der Benjamin Franklin Medaille.

Kurt Rosenkranz wurde am 2. August 1927 in Wien geboren. Gemeinsam mit seiner Familie flüchtete er zunächst nach Riga. Nach dem Vorrücken der Wehrmacht gelangte die Familie in sowjetische Gefangenenlager und wurde zuerst in Nowosibirsk in Russland, später in Karaganda in Kasachstan interniert. Bereits 1946 kehrte Rosenkranz nach Wien zurück und wurde dort zu einer der wichtigsten Personen der Erneuerung jüdischen Lebens in Wien nach der Shoa. 1989 gründete er das Jüdische Institut für Erwachsenenbildung, mit dem erklärten Ziel, eine Bildungseinrichtung für Juden und Nichtjuden zu schaffen, um Unverständnis, Ablehnung und Vorurteile abzubauen. 1991 gründete er das Jüdische Filmfestival Wien. Für seine Verdienste wurde ihm 2010 das Goldene Ehrenzeichen des Bundesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs verliehen.

Lore Segal wurde am 9. März 1928 in Wien geboren. Zwischen 1938 und 1939 gelangte sie mit einem Kindertransport in das Vereinigte Königreich. 1939 erreichten auch ihre Eltern das Vereinigte Königreich, allerdings wurde ihr Vater als feindlicher Ausländer auf der Isle of Man interniert, wo er eine Reihe von Herzanfällen erlitt und wenige Tage vor Kriegsende verstarb. Segal studierte Englische Literatur am Bedford College der University of London und schloss 1948 mit Auszeichnung ab. Darauf emigrierte sie mit ihrer Mutter zunächst in die Dominikanische Republik und nach drei Jahren in die USA. Sie war Guggenheim Fellow und später Professorin für Englisch an der Columbia University und in Princeton. Sie schrieb Rezensionen für die New York Times und Essays für den New Yorker. Außerdem veröffentlichte sie zahlreiche Kinderbücher, Kurzgeschichten und Romane. Ihr bekanntestes Werk ist der Roman Shakespeare’s Kitchen aus dem Jahr 2007, der auf der Shortlist für einen Pulitzer Preis war. 2006 wurde sie in die American Academy of Arts and Sciences gewählt.

Fred Terna wurde am 8. Oktober 1923 in Wien geboren. 1926 übersiedelte die Familie nach Prag, wo Terna 1941 von der Gestapo verhafte wurde. Er überlebte das Arbeitslager Linden (Lípa), das KZ Theresienstadt, das KZ Dachau und das KZ Auschwitz. Im April 1945 entkam er während einem Luftangriff der Alliierten aus einem Transport. Seine gesamte Familie wurde in der Shoa ermordet. Im KZ Theresienstadt begann er auf Papierfetzen zu zeichnen. 1946 ging er nach Paris und studierte an der Académie de la Grande Chaumière und an der Académie Julian Malerei. Sein künstlerisches Oeuvre ist eine Aufarbeitung seiner Erfahrungen in den Konzentrationslagern. Seine Bilder sind Teil wichtiger öffentlicher und privater Sammlungen, unter anderem auch des Smithsonian Instituts und der Albertina. 2020 erschien seine von Julia Mayer verfasst Biografie Painting Resilience: The Life & Art of Fred Terna. Fred Terna verstarb am 8. Dezember 2022 in New York City ohne von der Stadt Wien Antwort auf diesen offenen Brief erhalten zu haben.

Georg Stefan Troller wurde am 10. Dezember 1921 in Wien geboren. 1938 floh er in die Tschechoslowakei und von dort nach Frankreich, wo er als feindlicher Ausländer interniert wurde. 1941 erhielt er in Marseille ein Visum für die USA. Die Eltern konnten über Portugal fliehen. In den USA wurde er 1943 zum Kriegsdienst eingezogen und war am 29. April 1945 an der Befreiung und Dokumentation des KZ Dachau sowie am 1. Mai an der Einnahme Münchens beteiligt. Zurück in den USA studierte Troller Anglistik an der University of California und Theaterwissenschaft an der Columbia University. Ein Fulbright-Stipendium für die Sorbonne führte Troller 1949 nach Paris, wo er seither lebt. Bekannt wurde der Schriftsteller, Fernsehjournalist, Drehbuchautor, Regisseur und Dokumentarfilmer zunächst durch seine Interviewsendung Pariser Journal für die ARD und später Personenbeschreibung im ZDF. Seine von Axel Corti verfilmten Drehbücher sind allesamt Kult-Filme geworden. Er ist vielfacher Grimme-Preisträger und war mit Welcome in Vienna für einen Oscar nominiert. 2014 erhielt er den Schillerpreis, 2017 das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich und 2021 das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.